Beziehung

Warum wir an beschissenen Beziehungen festhalten

Manchmal kommt man in einer Beziehung an einen Punkt, an dem man weiß, dass es nicht mehr weiter gehen kann, aber nicht weiß wie man es beenden soll. Dabei muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er seine Beziehung noch zu retten ist und ob man überhaupt noch kämpfen möchte.

Dies ist mein erster Artikel, bei dem ich sagen muss: Lieber Leser, es tut mir leid dass du hier bist. Vielleicht findest du dich gerade selbst in einer unglücklichen Beziehung, hast eine solche vor einiger Zeit beendet oder du verzweifelst über einen Kumpel, der einfach nicht von seiner “Alten” los kommt.

Andererseits freut es mich, dass du hier bist, denn es zeigt, dass du bereits den ersten Schritt gemacht hast, um die Lage zu verbessern: Du hast dir eingestanden, dass es so nicht weitergehen kann.

Vor einigen Jahren hing ich selbst in einer nicht enden wollenden on-off Beziehung fest.  Eine Freundin fragte mich damals, ob ich mit dem Partner denn in zehn Jahren noch zusammen sein wollen würde. Außerdem wollte sie wissen, ob ich mir vorstellen könnte mit ihm eine Familie zu gründen. Ich antwortete damals mit einem klaren nein. Trotzdem war meine Ausrede, dass es für den Moment ja noch okay wäre.

Es kam wie es kommen musste. Ich trennte mich damals nicht und ein dreiviertel Jahr später endete die Beziehung extrem böse. Ich habe mich oft gefragt, warum ich damals nicht früher Konsequenzen gezogen habe.

Die Wahrheit ist, es ist vollkommen normal und menschlich. Das heißt aber nicht, dass es jedes mal so laufen muss. Wenn wir wissen, was uns zurückhält, können wir uns auch freikämpfen. Daher möchte ich dir einen Überblick über die wichtigsten psychologischen Hindernisse geben.

Valuing of Effort

Dieser Effekt (zu deutsch: Mühe wertschätzen) beschreibt das Phänomen, dass wir Dinge umso ungerner aufgeben, je mehr Arbeit wir darin bereits investiert haben. Im Zusammenhang mit einer Beziehung kann das Geld, Zeit und Nerven bedeuten.

Wenn eine Affäre Mist baut, fällt es uns leichter ihr den Rücken zu kehren, als wenn es ein langjähriger Partner ist. Das groteske dabei ist, dass es uns auch umso schwerer fällt, je mehr wir bei dem Menschen bereits durchgehen haben lassen.

Wenn wir eine Sache einmal akzeptiert haben, warum sollten wir es ein zweites oder drittes Mal plötzlich nicht mehr tun. Oft hat ein Verhalten auch klein und harmlos begonnen und sich mit der Zeit gesteigert. Eh man sich versieht, ist man an einen Punkt geraten an dem man nie sein wollte.

Der Effekt Valuing of Effort wird häufig herangezogen um zu erklären warum misshandelte Frauen bei ihren gewalttätigen Männern bleiben. Das erste Mal war noch harmlos, das nächste mal nur unmerklich schlimmer. Die Opfer reden sich selbst ein, dass es einen Grund gibt weshalb es gut ist, das zu erdulden was sie erdulden. Vielleicht reden sie sich selbst ein, dass ihr Partner sonst super ist oder sich bessern wird.

Das Problem ist, je schlimmer das Verhalten des Partners wird, desto stärker halten die Opfer an ihrer Rechtfertigung fest, denn sonst müssten sie sich eingestehen, dass all das Leiden umsonst war. Wir möchten nicht wahrhaben, dass wir unsere Zeit verschwendet haben, dass wir Dinge jenseits unserer Grenzen erdulden und dass sich unsere Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllen.

Je schwerer zu ertragen die Wahrheit für uns ist, desto stärker wehren wir uns dagegen sie einzugestehen.

Was also tun?

Manchmal können wir die Wahrheit für uns selbst nicht erkennen. Also stell dir die Frage: Wenn dein bester Freund, oder eine andere dir nahestehende Person in der exakt gleichen Lage wäre, was würdest du ihm raten zu tun? Dieser Rat ist exakt das was du tun solltest, denn es ist die ehrlichste Situationseinschätzung die du von dir bekommen wirst.

Außerdem kannst du einen Blick in die Zukunft tun. Wenn ich dir heute sage, dass ich in die Zukunft sehen kann und du in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch immer mit deinem jetzigen Partner zusammen sein wirst, bist du froh oder insgeheim enttäuscht? Möchtest du eine Familie  gründen mit diesem Menschen, möchtest du Nacht um Nacht mit diesem Menschen einschlafen oder jeden Morgen frühstücken, Kinder großziehen oder im Altersheim sitzen?

Oder frage den Zufall: Wenn du vor einer Entscheidung mit zwei Optionen stehst, beispielsweise Gehen oder Bleiben, dann wirf eine Münze. Wirf sie hoch, fang sie auf, aber schau dir das Ergebnis noch nicht an. Wärst du enttäuscht wenn du jetzt einen Kopf aufdeckst oder erleichtert? Decke jetzt die Münze auf und beobachte genau deine Gefühle: Verunsicherung, Angst, Enttäuschung, Zufriedenheit? Du musst nicht tun was dir die Münze sagt, du musst nur wissen, wie du dich dabei fühlen würdest.

Verpflichtungen

Es kann wirklich schwierig sein ein gemeinsames Leben wieder auseinander zu dividieren.

Je mehr gemeinsame Verpflichtungen man hat und je abhängiger der Partner von einem ist,  desto eher kommt das Argument “ Das kann ich meinem Partner nicht antun” oder “ich kann meine Familie nicht verlassen”. Auch unsere eigene Abhängigkeit steht uns im Weg.

Andererseits hat bisher noch jede Trennung geklappt. Gemeinsame Verpflichtungen machen Trennungen komplizierter aber nicht unmöglich. Kinder sind nicht darauf angewiesen, dass ihre Eltern aneinander kleben. Für sie ist es gesünder getrennte Eltern zu haben, die vernünftig zusammenarbeiten, als Eltern zu haben die zusammen leben, aber sich insgeheim hassen.Bei Trennungen und Scheidungen können gütliche Lösungen gefunden werden, genauso bei gemeinsamen Wohnungen.

Vor allem wenn du deine eigene Abhängigkeit erkennst, kann es auch eine Chance für persönlichen Wachstum sein. Wichtig ist es sich nach Möglichkeit im Guten zu trennen und nicht zu warten, bis ein unüberwindbarer Scherbenhaufen jede Art von Kompromiss unmöglich macht. Außerdem musst du nichts übers Knie brechen. Eine Trennung muss nicht bedeuten sich von jetzt auf gleich gegenseitig aus der Wohnung zu jagen und von da an nur noch mit schweigen zu strafen. Redet über die Lage und findet gemeinsam eine Lösung.

Angst

Angst ist ein furchtbar lähmendes Gefühl, das uns mit Horrorszenarien vorgaukelt und uns lähmt. Beinahe jeder wird bei einer anstehenden Trennung von Gedanken geplagt, dass er nie wieder eine neue Partnerin finden wird – oder zumindest keinen so gute mehr. Man stellt sich vor auf ewig einsam zuhause zu sitzen und schließlich einsam und vergessen von der Welt zu sterben. Viele wissen auch einfach nicht, wie man Schluss macht.

Doch fürchte dich nicht: Du hast einmal eine Partnerin gefunden, du kannst es wieder schaffen. Wenn du dich von deiner jetzigen Partnerin trennen möchtest, dann ist sie nicht die perfekte Partnerin für dich. Auf der Erde leben etwa 7 Milliarden Menschen. Davon sind die Hälfte Frauen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass du extreme  Ansprüche hast, sollten doch noch ausreichend Frauen übrig bleiben, aus denen du eine neue Partnerin auswählen kannst. Die eine vom Schicksal Auserwählte gibt es nicht- hör auf so viel Walt Disney zu schauen!

Überlege dir, wann in deinem Leben du am glücklichsten warst. Häufig ist das gar nicht in einer Partnerschaft. Melde dich bei alten Freunden und geh mal wieder raus. Dann wirst du schnell sehen, dass das Leben mehr bieten kann als du in deinem Schneckenhaus von Beziehung im Moment siehst.

Es gibt kein perfektes Rezept dafür wie man richtig Schluss macht. Jemanden zu sagen dass man nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte ist hart und das Gespräch wird vermutlich nicht angenehm. Erkläre deiner Partnerin was dich zu der Entscheidung bringt, sei nett und ehrlich. Ein Gespräch immer noch die humanste Methode die es gibt und vielleicht denkt deine Partnerin ja insgeheim genauso?

Schlusswort

Unsere Gesellschaft ist voll von Menschen, die nicht in der Lage sind vernünftige Beziehungen zu führen, die wegen jeder Kleinigkeit die Partnerschaft anzweifeln. Gleichzeitig sind wir andauernd konfrontiert mit dem Beziehungsbild der älteren Generation, bei denen du noch heiraten musstest um Sex zu haben, bei denen es eine Sünde ist sich scheiden zu lassen und die Partner die heilige Pflicht haben, eine Beziehung zu retten, komme da was wolle.

Keiner der beiden Wege ist der Richtige. Richtig ist für dich, was dich auf Dauer zufrieden macht.

Mach dir eine Sache klar:

Traue niemals deinem zukünftigen Ich. Wenn du heute die Situation nicht änderst, wirst du es in Zukunft auch nicht tun. Dein zukünftiges Ich ist nicht stärker oder schlauer als du heute. Verlasse dich daher nicht darauf, dass du deine Probleme in der Zukunft lösen wirst.

Dein zukünftiges Ich kann aber zufriedener und glücklicher sein, als du heute – wenn du es schaffst deine Probleme im hier und jetzt zu lösen.

Über den Author

Mrs. Lovehacks

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